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Salutogene Aufstellungen Wie können Aufstellungen Gesundheit bildend, Gesundung fördernd wirken?

Salutogene Aufstellungen
Wie können Aufstellungen Gesundheit bildend, Gesundung fördernd wirken?
Auf diese Frage geben die AutorInnen des Buches, herausgegeben von Claude-Hélène Mayer und Stephan Hausner, vielfältige Antworten.
Eine anscheinend übergeordnete Antwort, die sich durch alle Beiträge zieht, ist: durch Integration. Durch Integration von unliebsamen, verdrängten bzw. abgespaltenen Anteilen, Traumata, Beziehungserfahrungen, Familienmitgliedern und Familienunstimmigkeiten in die eigene Identität sowie durch Integration des eigenen Selbst in die Familie und in die Gemeinschaft im Sinne von Zugehörigkeit. Bei den Arbeiten von Barbara Buch und Tanja Meyburgh mit Berichten aus traditionell naturverbundenen Völkern in Nordamerika (Buch) bzw. Afrika (Meyburgh) werden dabei insbesondere zwei Aspekte als traditionell heilsam betrachtet: 1. Die (Re-)Integration in die Ahnenreihe, den „Herkunftsstrom“ und 2. Die Integration von Außenstehenden in die aktuelle Familie/Gemeinschaft (Zugehörigkeit).
Mehrere Beiträge führen auch die heilsame Erfahrung einer empathischen und unterstützenden Gruppe an, wenn die Aufstellung in einer Gruppe stattfindet.
Diese schon direkt bei der Aufstellung erlebte Integration wird von den KlientInnen jeweils als stimmig erlebt und auch von den BeobachterInnen als kohärent empfunden, und somit direkt mit einer Stärkung des Kohärenzgefühls SOC in Verbindung gebracht (z.B. Hausner S.63; Buch S.96; Huyssen S.187). Einzelne überzeugende Fallbeispiele belegen und veranschaulichen die positive Wirkung dieses Kohärenzerlebens während einer Aufstellung auf das folgende Alltagsleben, auf die nachhaltige Lösung von problematischem Verhalten und auf Gesundung (Hausner, Huyssen, Peyton). Diese Wirkungen haben sich auch im klinischen Alltag der (soweit ich weiß) größten psychosomatischen Klinik Deutschlands derart bewährt, dass Aufstellungsarbeit ein ständiger und intensiver Bestandteil der stationären Behandlung ist (Elsner).
Die AutorInnen führen zusätzlich die drei Komponenten des SOC an, um Heilsamkeit und eine Verbindung zum Salutogenese-Konzept Antonovskys aufzuzeigen. Am häufigsten wird die Verstehbarkeit benannt, die schon während der Aufstellungsarbeit bei den KlientInnen ganz direkt erlebt wird, wenn sie als Beobachter der Aufstellung ihres eigenen Familiensystems (Mayer, Hausner u.a.), ihres Traumas (Peyton, Ruppert) und Anliegens (Ruppert) bzw. ihrer eigenen Anteile nach dem „Modell der Ego-State-Therapie“ (Huyssen) die Zusammenhänge ihres Geworden-Seins sehen.
Wenn aus diesem beobachtenden und gleichzeitig einfühlenden Verstehen (auch bei nonverbaler systemischer Resonanz (Mayer)) heraus eine stimmige Integration stattfindet, wächst auch das Gefühl von persönlicher Bedeutsamkeit und das Leben wird womöglich deutlicher als sinnhaft erlebt (auch durch den „Geist“ bei den Indianern (Buch)). Wenn die Aufstellungsarbeit verbunden ist damit, dass ein Klient das Gefühl hat, er kann selbst erfolgreich an der Lösung von lange ungelösten Problemen mitwirken, erhöht das auch das Gefühl der Handhabbarkeit (Mayer u.a.), die dritte Komponente des SOC laut Antonovsky. Wenn hingegen ein Klient in einer Aufstellung sich als Opfer von ‚magisch systemischen Kräften‘ fühlt, ist das eher gesundheitsschädlich (Mayer).
Eine salutogene Wirkung der Aufstellungen ist in den Beiträgen überzeugend dargestellt. Durch den Beitrag von Sarah Peyton „… aus der Perspektive der Gehirnphysiologie“ wird diese sogar noch rational nachvollziehbar. Man könnte sogar meinen, dass durch moderne Wissenschaften ein guter Teil dessen, was man früher als ‚Magie‘ bezeichnet hat (wie Mayer auch die Wirkung von Ritualen ganz allgemein als „Magie“ bezeichnet), rational erklären kann. Interessant in diesem Zusammenhang erscheint mir der Hinweis von Mayer zu „analogem Vorgehen“ (S. 79): Mit ihr (der Intuition) können … hohe(n) Komplexität und Dynamik analog erfasst werden.“ Dieser Gedanke könnte noch weiter ausgeführt und in Bezug gebracht werden mit „magischem Denken“. Damit könnte ein Unterschied und/oder eine Ähnlichkeit zu systemischem und analogem Denken sowie zur Intuition reflektiert und ggf. integriert werden. Dazu finden sich im Buch viele gute Ansätze die für manche magisch erscheinenden Phänomene in ein modernes systemisches Denken (Elsner; Mayer („Intuition und systemischen Resonanz“); Ruppert, Huyssen, Buch u.a.) und in die rationalen neuropsychologischen Erklärungen (Sarah Peyton) zu integrieren. Vielleicht können wir dann auf den oft pathologisch verstandenen und diskriminierenden Begriff „magisches Denken“ verzichten.
In dem Punkt ‚Komplexität und Dynamik von Gesundung‘ sehe ich für das gestellte Thema „salutogene Aufstellungen“ das größte Entwicklungspotential: Es sind eine Reihe interessanter Ansätze zu finden, die aber noch nicht explizit und konsistent ausgeführt werden. Das beginnt bei der Benennung der „grundlegenden Fragestellung der Salutogenese“ (nach Bengel u.a.) als „Was erhält Menschen gesund?“ Damit wird nicht deutlich nach der Entwicklungsdynamik gefragt, die schon Antonovsky wichtig war.
So wird auch das Aufstellerthema vom Herstellen und Einhalten von „Ordnung“, von „Ordnungen der Liebe“ (nach Hellinger; hier: Peyton, Buch, Meyburgh u.a.) nur unter dem Aspekt von Zugehörigkeit verstanden. Es bleibt unreflektiert unter dem Entwicklungsaspekt sowie der salutogenen Bedeutung von Ordnungsübergängen.
Henning Elsner führt am weitesten gehend Gedanken zu gesunden Entwicklungen aus, indem er mehrfach biografische „Übergänge“ und Chancen von Krisen beschreibt, die zu Gesundung führen (S. 190f u.a.). Er beschreibt erlebte „Now-Momente“ als „Veränderungsmomente“ und ein salutogenetisch orientiertes „Heilklima begünstigt die Emergenz von Schlüsselmomenten“ (S.202). Er entdeckt in der Aufstellungsarbeit nicht nur den „Herkunftsstrom“ sondern auch einen „Hinkunftsstrom“ (S. 195). Damit beschreibt er die Gerichtetheit von Gesundung, von Salutogenese. Hier wie auch bei Ottomar Bahrs („causa finalis“, „Zukünfte“) und Thomas Heucke (Salutogenese: „gesunde Entwicklung in … Zukunft“, „Wandlung“) ist eine Weiterentwicklung des Salutogenesekonzeptes zu sehen, die Antonovsky zwar wollte und in seiner Flussmetapher beschrieben hat, aber in seinen Forschungen noch nicht umsetzen konnte. Mit dem SOC-Fragebogen zu den drei Komponenten des Kohärenzgefühls fragt er noch klassisch nach statischen Eigenschaften und nicht nach Prozessen. Entsprechend statisch erfolgen dann Zuordnungen von Phänomenen zu „Verstehbarkeit, Bedeutsamkeit und Handhabbarkeit“ in vielen Beiträgen.
Als ich den Titel des Buches „Salutogene Aufstellungen“ las, dachte ich zunächst, dass es darin vorwiegend um die Frage geht, wie Aufstellungen salutogenetisch orientiert durchgeführt werden im Unterschied zu pathogenetisch orientierten Aufstellungen. Allerdings wird diese Diskussion in dem Buch nur marginal berührt – wenn überhaupt. So schreibt Mayer im ersten Kapitel, dass Magie in der Aufstellungsarbeit auch schaden kann, wenn die KlientInnen sich passiv, gewissermaßen als Opfer magischer Familiendynamik, erleben. Hier wären Hinweise hilfreich, wie AufstellerInnen die KlientInnen zu einer aktiven Rolle verhelfen können und damit eine Wende zur Gesundung anregen.
In dem Beitrag von Tanja Meyburgh werden die Wurzeln von Hellingers Arbeit in Afrika einleuchtend beschrieben. Da hat mich die Frage interessiert, ob und falls ja wie Hellingers Aufstellungsarbeit eine Weiterentwicklung der afrikanischen Heilungsarbeit darstellt. Und ggf. wie sie selbst und andere AutorInnen Hellingers Arbeit weiterentwickelt haben. Hier wie auch an anderen Stellen wäre eine kritische Auseinandersetzung mit der Arbeit Hellingers interessant: Wo finden wir in Hellingers Arbeit eine salutogenetische und wo eine pathogenetische Orientierung? Schließlich wäre hier eine Überleitung zum dritten Abschnitt, zu den „Theoretischen Grundlagen gesundheitsfördernder Aufstellungsarbeit“ wünschenswert, aus der hervorgeht, wie weit die afrikanische Sichtweise auf die Ahnen und die sog. „Hexen“ eine theoretische Grundlage für Hellingers Aufstellungsarbeit ist. Auch wäre zum Verständnis des letzten Abschnittes eine Erklärung hilfreich, was die HerausgeberInnen sich unter „Theoretischen Grundlagen…“ vorstellen – welche Ansprüche und Kriterien sie damit verbinden.
Die Ausführungen von Thomas Heucke zu einer kabbalistischen Interpretation eines hebräisch-biblischen Menschenbildes nach Weinreb unter der Überschrift des dritten Teils des Buches „Theoretische Grundlagen …“ legen nahe, dass die Bibelinterpretation von Weinreb als ebensolche theoretische Grundlage diskutiert werden soll. Dieser Ansatz ist für mich aus den Darlegungen von Heucke nicht nachvollziehbar, obwohl zwischendurch immer wieder interessante Fragestellungen und Postulate auftauchen, wie z.B. die Frage nach dem „Wesen“. Aber als Antwort mag ich nicht Hinweisen auf seitenlange Bibelzitate und Weinreb folgen. Da hätte mich mehr die persönliche, am Erleben und damit am Phänomen orientierte Meinung von Heucke interessiert.
Zum Abschluss des Buches bringt Ottomar Bahrs die existentialistische Betrachtungsweise Sartres am Beispiel seiner Studie zu Flaubert in Verbindung mit Familienstellen und Salutogenese und sieht hierin einen Beitrag zur „Konzeptualisierung“ von Aufstellungsarbeit. Ob und falls ja, wie, viele nebeneinanderstehende Konzeptualisierungen eine „theoretische Grundlage“ ergeben sollen und können, ist mir leider auch hier nicht klar geworden. Immerhin erschließt sich mir aus dem Beitrag von Ottomar Bahrs ein konsistenter gedanklicher roter Faden. Sartre sieht Flauberts Geschichte als „Entwicklungsroman“ und „Gesundheit und Krankheit als Gesamtprozess“. Das ist eine interessante, sowohl lebendig als auch reflektiert und einleuchtend geschilderte Hypothese für eine salutogenetisch orientierte Arbeit, die das vermeintlich Pathogene im Sinne eines ‚Sowohl-als-auch‘ in einen persönlichen Entwicklungsprozess integriert.
Insgesamt ist es ein lesenswertes und gedanklich vielfältiges und reichhaltiges Buch. Es ist ein erster Schritt in einen Diskurs zu der Frage „Was ist das Salutogene an Aufstellungen? Und: Wie können AufstellerInnen diesen salutogenen Aspekt fördern?“ Die Verknüpfung mit der Ego-State-Therapie durch Karin Huyssen erscheint sehr plausibel.
Besonders gefallen hat mir der Mut, implizite Analogien von schamanistischen indigenen Heilsvorstellungen und Praktiken einzubeziehen und explizit zu machen, auch wenn es wohl noch weiterer Arbeit bedarf, diese theoretisch stimmig in ein salutogenetisch orientiertes Entwicklungskonzept zu integrieren. Der erste Schritt dazu, ihre Anerkennung im Kreis der Heilweisen neben neuropsychologischen Erklärungen zu vollziehen, ist mit dem Buch gelungen. Ein nächster Schritt könnte sein, eine reflexive Metaperspektive einzunehmen (analog zur „Kybernetik 2. Ordnung“) und der Frage nachzugehen: Welche Sichtweise (Theorie) und welche Art von Denken fördert salutogene Aufstellungsarbeit?

Theodor Dierk Petzold, Bad Gandersheim info@salutogenese-zentrum.de

Salutogene Aufstellungen 29,99 €
von Claude-Hélène Mayer / Stephan Hausner (Hg.)
Vandenhoeck&Ruprecht 2015