ein Gemeinschaftsprojekt von

Günter Schiepek (2010). Neurobiologie der Psychotherapie. Stuttgart: Schattauer (2. Auflage). (679 S.)

Das vorliegende Herausgeberwerk von Günter Schiepek „Neurobiologie in der Psychotherapie“ kann nicht anders als monumental bezeichnet werden, und zwar in verschiedener Hinsicht: Es wiegt 2,5 Kg, ist fast 700 Seiten stark und kostet stolze 119.-€ – ist aber, um gleich zu einem weiteren Aspekt seiner Monumentalität, nämlich jener der inhaltlichen zu kommen, jeden einzelnen Cent wert. Denn dieser Band unternimmt den gelungenen Versuch, ein umfassendes, auf Systemwissenschaften basierendes Verständnis von Psychotherapie zu entwickeln, das weit über sozialsystemisches Denken hinausgeht und auch nicht, wie der Titel des Bandes vermuten lässt, bei neurobiologischen Reduktionismen stehen bleibt. Die erste Auflage des Bands ist bereits 2004 erschienen; die vorliegende zweite Auflage ist gegenüber der ersten überarbeitet sowie deutlich erweitert.

Das Buch gliedert sich in neun Kapitel, wobei im ersten Kapitel der Herausgeber mit Mitarbeitern einen brandaktuellen Überblick gibt zur neurowissenschaftlichen Erforschung von Psychotherapie. Das zweite Kapitel stellt neurowissenschaftliche Messmethoden vor, nämlich die Magnetresonanztomographie (MRT), das in der Forschung wohl wichtigste bildgebende Verfahren, dann die Positronenemissionstomographie (PET), die Einzelphotonen-Emissionstomographie (SPECT), die Nahinfrarot-Spektroskopie (NIRS) und schließlich die aus der Psychophysiologie bekannte Elektronenenzephalographie (EEG). Das dritte Kapitel trägt den Titel „Molekulare Neurobiologie von Gehirn, Immun- und Endokrinsystem“. In diesem finden sich sehr lesenswerte Ausführungen etwa zur Neuroplasitiztät im Erwachsenenalter sowie zur Psychoneuroimmunologie und –endokrinologie. Das nächste Kapitel versammelt Arbeiten, die sich mit der Konzeptualisierung des Gehirns als komplexes System befassen. Herausragend sind in diesem Kapitel die Beiträge von Wolf Singer, einer der bekanntesten und anerkanntsten Neurophysiologen und Hirnforscher, und von Hermann Haken, dem Begründer der Synergetik, dem vielleicht fruchtbarsten systemtheoretischen Ansatzes für die empirisch orientierten Humanwissenschaften. Das fünfte Kapitel beleuchtet verschiedene psychische Funktion, wie Emotionen, Selbstbewusstsein oder Meditation, aus einer systemwissenschaftlichen Perspektive, die eben auch stark neuronales Geschehen mit einbezieht. Das darauffolgende Kapitel würde man in einem Band mit dem Terminus „Neurobiologie“ im Titel nicht unbedingt vermuten: in diesem geht es nämlich um soziale Prozesse. Auch manchen Autoren würde man in diesem Kontext vielleicht nicht erwarten, wie etwa die Tiefenpsychologin Anna Buchheim, die über sozio-emotionale Bindung schreibt, oder der Psychiater und Philosoph Thomas Fuchs, der aus einer geisteswissenschaftlichen Sichtweise heraus eine systemisch-ökologische Konzeption psychischer Krankheit entwirft (m.E. die mit überzeugendste Arbeit in dem Band).

Im siebten Kapitel schließlich werden einzelne psychische Störungen von der Neurobiologie und Psychotherapie her kommend (aber eben erfreulicherweise nicht nur) „durchdekliniert“. Dieses umfassendste Kapitel in dem Band kann für jeden Professionellen, der mit psychischen Störungen in seinem Arbeitsfeld zu tun hat, als essentiell angesehen werden, eben aufgrund der Zusammenschau von „Neuro“ und „Psycho“ – aber auch aufgrund der exquisiten Auswahl der Autoren: der Analytiker Peter Henningsen informiert zu somatoformen Störungen (er hat auch an der Verfassung der Behandlungsleitlinien hierzu mitgewirkt); Wolfgang Herzog, Leiter der Psychosomatik am Universitätsklinikum Heidelberg, und Beate Wild, eine u.a. hervorragende Methodikerin, schreiben zu Essstörungen, Wolfgang Miltner zu Ängsten, Herta Flor zu Schmerzen etc.- die Reihe an beitragenden Koryphäen liese sich hier weiterführen. Das achte Kapitel erörtert dann Konsequenzen aus den vorhergegangen Ausführungen für die Therapie und Beratung. Hier sind vor allem der Beitrag von Schiepek selbst zum Synergetischen Navigationssystem, eines der innovativsten Instrumente der Psychotherapieforschung, hervorzuheben und jener von Peter Tass, der eine im Grunde streng an den Prinzipien der Synergetik sich haltende Therapie krankhafter neuronaler Synchronisationen (wie etwa die Epilepsie) entwickelt hat und am Beispiel der Tinnitusbehandlung veranschaulicht. Im abschließenden Kapitel beschäftigen sich zwei Arbeiten mit wissenschaftstheoretischen und ethischen Fragen. Sehr lesenswert ist hier der epistemologisch orientierte Artikel des Berliner Psychologieprofessors Hans Westmeyer.

Was Günter Schiepek mit der Konzeption dieses Bands vorschwebt ist visionär – und geht über das, was wir heute noch unter systemischer Therapie/Psychotherapie verstehen, deutlich hinaus: letztlich hat Schiepek eine Art biopsychosoziale Komplexitätstherapie im Sinne, die auf der Grundlage der Synergetik als Disziplinen übergreifende Strukturwissenschaft (und mit ihren zentralen Konzepten der Selbstorganisation, der Ordnungs- und Kontrollparameter, der mikro-, meso- und makroskopischen Systemebenen, der Bifurkationspunkte und der nichtlinearen Phasenübergängen) es erlaubt, je nach Notwendigkeit und Bedarf auf der neurobiologischen, psychologischen oder sozialen Ebene zu intervenieren. Dies mag sich für den ein oder anderen vielleicht anhören wie die allumfassenden Auslassungen lediglich eines weiteren Ganzheitlichkeits-/ Neues Denken-Visionärs im Stile eines Fridjof Capras, Ken Wilbers oder Rupert Sheldrakes, bei denen man bei aller Innovationskraft dennoch ab und an (hoffentlich) aufgrund des manchmal undifferenzierten alles und jeden umfassenden Integrationswillens, bei dem dann Gebilde herausgekommen, in dem mit Fakten und Spekulationen so jongliert wird, dass sie nicht mehr zu unterscheiden sind, ein wenig skeptisch wird und ein mulmiges Gefühl bekommt. Der Unterschied zu dieser Form der Ganzheitsphilosophierei besteht im vorliegenden Band darin, dass niemals der tragende Boden der Empirie sowie der wissenschaftlich begründeten Systemtheorie (und der Vernunft) verlassen wird, ohne dabei im neurobiologischen Empirismus stecken zu bleiben oder sich in abstrakt-abgehoben systemtheoretischen akademischen Spielereien zu verlieren (wenngleich ein empirisches Interesse an neurobiologischen Befunden Voraussetzung ist, um an dem Buch Freude zu haben). Ob sich die Systemtheorie als das multiple Disziplinen integrierende Brückenprogramm durchsetzen wird, das Schiepek vorschwebt, dies wird sich zeigen. Dass sie das Zeug dazu hat, dies macht dieser grundlegende Band deutlich.

Matthias Ochs