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Wolfgang Tschacher (1990). Interaktion in selbstorganisierten Systemen. Heidelberg: Asanger (227 S.)

Der vorliegende Band trägt den ehrgeizigen Untertitel „Grundlegung eines dynamisch-synergetischen Forschungsprogramms in der Psychologie“: ein Anspruch also wird hier formuliert – der, das sei bereits einführend erwähnt, auch gut eingelöst wird. Auch sei einführend schon darauf hingewiesen, dass die hier ausgeführte Grundlegungen weder die aktuellste noch die ausführlichste zur Psychologie Dynamischer Systeme bzw. zur psychologischen Synergetik darstellen; der Autor selbst hat weitaus umfassendere Werke hierzu ausgearbeitet (etwa das 1997 erschienene Werk „Prozessgestalten“) und andere Autoren (neben Tschacher selbst), wie Günter Schiepek (u.a. gemeinsam mit Hermann Haken „Synergetik in der Psychologie“) und Jürgen Kriz („Systemtheorie für Psychotherapeuten, Psychologen und Mediziner“) haben die systemwissenschaftlichen Implikationen für die Psychologie und Psychotherapie/Beratung inzwischen ausdifferenziert und detailliert dargestellt.

Was dieses Buch aber für an Forschung interessierte Systemiker m.E. so interessant macht, das ist, dass es mit den drei Bedingungen für Selbstorganisation und dem recht einfachen Konzept der Synergetischen Hierarchisierung grobe Richtlinien anbietet, um systemische Operationalisierungen vornehmen zu können. Es werden in dem Buch also drei Bedingungen genannt, die erfüllt sein müssen, damit Selbstorganisationsprozesse vom systemtheoretischen Kalkül her betrachtet überhaupt stattfinden können:
1. Offenheit gegenüber der Umwelt (in Form von Flüssen von Masse/Energie/Information) (dieser Aspekte lädt zur Konfusion ein, wenn man die operationale Geschlossenheit, die das Autopoiesekonzept postuliert, mitdenkt; sie kann sich aber lichten, wenn man zwischen eben operationaler Geschlossenheit und informationaler Offenheit unterscheidet); hier besteht die Herausforderung für den Forscher darin, genau zu benennen, was denn System(e) und Umwelt(en) als Gegenstände der Forschung sind und welche konkreten „Flüsse“ zwischen System und Umwelt denn für die Phänomene von forscherischem Interesse als relevant erachtet werden. Wenn man etwa eine Tagesgruppe als das zu beforschende System definiert: Was sind dann die relevanten Umwelten und Welche „Flüsse“ zwischen etwa der Tagesgruppe und dem Jugendamt (als eine relevante Umwelt) werden angenommen? Wann fließen, wo, unter welchen Bedingungen diese Flüsse (z.B. Informationsaustausch)? Diese knappen Überlegungen mögen bereits veranschaulichen, dass es theoretische Herausforderungen sein können, hier so konkret wie möglich zu werden – für Forschung ist dies aber unabdingbar.
2. Interaktion vieler Systemkomponenten – und zwar, so sollte ergänzt werden, SEHR vieler Systemkomponenten; Eine große Anzahl von Komponenten ist nämlich notwendige Voraussetzung, damit das Phänomen der Selbstorganisation überhaupt vonstatten gehen bzw. angenommen werden kann. Haken (1986, zitiert nach Tschacher, Brunner & Schiepek, 1992, S. 346) weist darauf hin, „…that villages or small communities will not produce self-organized patterns because of the small number of individuals they contain.“ Die Mitglieder einer vierköpfigen Familie können sich als Systemkomponenten also zunächst einmal deshalb bekanntlich nicht selbstorganisieren. Auch die Kommunikation zwischen den Mitgliedern kann sich so betrachtet nicht selbst organisieren, da hierfür wieder zu wenige quasi „Kommunikationseinheiten“ synchron stattfinden, worauf auch Tschacher hinweist. Die psychologische Synergetik löst dieses Problem mit übrigens mit einer recht eleganten Strategie – doch dazu unten mehr.
3. Nonlinearität durch positive/negative Rückkopplung: hier wäre für den Forscher wichtig sich mit der Frage auseinanderzusetzen, ob bereits Erfahrungen mit Phasenübergängen bezüglich des im Blick der Forschung stehenden Systems vorhanden sind. Um wieder auf das Beispiel der Tagesgruppe zurückzukommen: Sind sprunghafte Veränderungsprozesse bekannt? Auf welcher Systemebene sollte man nach solchen forschen? Unter welchen Bedingungen erscheinen solche nonlinearen Veränderungen plausibel? Etc.

Was nun die bereits angesprochenen Mikro-, Meso- und Makroebenen betrifft, so gilt hier ähnliches wie für die eben beschriebenen drei Bedingungen, die erfüllt sein müssen, damit Selbstorganisationsprozesse angenommen werden können: Die Aufgabe des systemischen Forschers besteht darin, diese Ebenen zu definieren, zu konzeptualisieren.
Allgemein kann und muss, wie bereits erwähnt, die mikroskopische Ebene als aus einer großen Anzahl einzelner Komponenten bestehend definiert werden. Das „Verhalten“ dieser Komponenten ist durch eine große Anzahl an Freiheitsgraden charakterisiert (Schiepek & Tschacher, 1992). Als Komponenten etwa kognitiver Systeme können z.B. bewußte und unbewußte Wahrnehmungselemente (sowohl aus sensorischen als auch aus interorezeptorischen „Quellen“) oder kognitive und kommunikative Einheiten betrachtet werden. (Bei einer solchen Konzeptualisierungen schaffe ich sozusagen auch eine genügend große Anzahl an Komponenten, um Selbstorganisation sinnvoll annehmen zu können.) Allgemein wird in der psychologischen Synergetik die mikroskopische Ebene als virtuelle, hypothetische Dimension konzeptualisiert: „…the microscopic level of psychological synergetics is conceived of as the virtual horizon of the maximum degree of resolution attainable in the course of the analysis of interacting biological, psychological and social processes.“ (Schiepek und Tschacher, 1992, S. 19)
Auf der mesoskopischen Ebene geht es dann aber nicht mehr so virtuell zu, denn dort sind Variablen zu definieren und zu operationalisieren, „die die gemeinsame Wirkung und Aktion mehrer Komponenten abbilden“ (Tschacher, 1990, S. 96)! Diese Variablen dort werden etwa als Zustandsvariablen bezeichnet, welche Subsystemebenen bilden: Haken (1983. S. 22) etwa bezeichnet solche mesoskopischen Variablen eben als Zustandsvariablen (state variables), „because the values of these variables at a given time t describe the state of the system.“ Der Forscher, der etwa das System “Tagesgruppe” untersuchen möchte, würde also vor der Aufgabe stehen, wie er auf Subsystemebenen Operationalisierungen über Zustand und Dynamik des Systems einführt.
Die makroskopische Ebene ist nun die Ebene der Ordnungsparameter (Attraktor). Damit sind integrative dynamische Gesamtmuster gemeint, die entweder phänomenologisch (verbal-beschreibend, deskriptiv-statistisch) oder statistisch mithilfe nonlinearer Zeitreiheanalysen identifiziert werden. Anders ausgedrückt, versucht man im Rahmen eines phänomenologischen Ansatzes einerseits „vorübergehend und ausschnitthaft stabile Dynamiken“ (Kriz, 1994, S. 30) und andererseits den Einfluss von Kontextbedingungen (in der synergetischen Begrifflichkeit Kontrollparametern) auf solche Muster deskriptiv zu erfassen.

Tschacher schließt in dem Buch gut an Konzepte an, wie sie im Mainstream-Psychologiestudium gelehrt werden und vermittelt mit dieser Anschlussfähigkeit darüber hinausgehendes systemwissenschaftliches Wissen. Deshalb ist es für auf diese Weise sozialisierte Systemiker sehr gut nachvollziehbar. Dies betont auch Jürgen Kriz im Vorwort: „… gerade weil sie (die Arbeit von Tschacher) zunächst einmal auf das vorhandene Informationsdefizit Rücksicht nimmt, und einige wichtige Aspekte aus Nachbardisziplinen (einschließlich der Mathematik) diskutiert.“

Der interessierte Leser findet in dem vorliegenden Buch über die bereits angedeuteten vielen wichtigen konzeptionellen Einführungen und Überlegungen zu einem Forschungsprogramm der Selbstorganisation in der Psychologie hinaus zudem eine konkrete Feldstudie, eine Computersimulation und Vorschläge für weitere empirische Designs. Auch bietet Tschacher einige auch kritische Folgerungen aus seinen Ausführungen zu einem Sysnergetik-Forschungsprogramm für die systemische Therapie, die, obwohl nicht mehr ganz taufrisch, immer noch teilweise Geltung haben und sehr lesenswert sind.

Die vorliegende Arbeit ist, obwohl sie schon ein wenig in die Jahre gekommen ist, insgesamt betrachtet m.E. eine der besten Einführungen für an sysnergetischer Forschung interessierte Systemiker und als solche sehr zu empfehlen, eine Neuauflage deshalb sehr wünschenswert.

M. Ochs